18
.
December
2025
Strudel

Strudeln mit Johanna Grillmayer

Johanna ist das Ereignis

Ein Vorwort von Stefanie Jaksch

Ich erinnere mich noch sehr genau, wann ich das erste Mal von Johanna Grillmayer gehört habe: Ein befreundeter Buchhändler schrieb auf irgendeinem sozialen Medium, er lese gerade ein fantastisches Buch, es sei noch nicht erschienen, er dürfe nicht zu viel sagen, aber er habe definitiv Angst, nicht weiterzulesen, weil "man ja nie wüsste, was die Figuren tun, wenn man sie allein lässt". Weil ich ein neugieriger Mensch bin, wollte ich wissen, welches Buch es sei, ob er mir die Fahnen vorab schicken könne. Und weil der Kollege ein guter Kollege ist, meinte er: Ich geb die Datei nicht weiter, aber ich schick dir den Kontakt der Autorin. Sie schickt dir sicher die Fahnen. Kurz darauf hatte ich eine Mail von Johanna Grillmayer im Postfach, mit einem PDF ihres ersten Romans "That's life in Dystopia". Mein Kollege hatte recht: Man mag die Figuren nicht allein lassen. Johanna und ich haben ab dem Zeitpunkt den Kontakt gehalten, in atemberaubendem Tempo erschienen die zwei Folgebände "Ein sicherer Ort" und "Ein guter Mann", die die Trilogie rund um ein katastrophales Unglück, das im Buch alle nur "das Ereignis" nennen, komplettieren. Und Johanna selbst? Ist in ihrer Haltung als Autorin erstaunlich unaufgeregt, klar und zielstrebig; der Mensch dahinter ist warmherzig, witzig, schlau, lebenslustig und mit einer ungeheuren Leidenschaft für Literatur ausgestattet. Mit ihr über die Welt zu diskutieren, entlässt mich jedes Mal wieder mit einem Lächeln in eben diese Welt, und das ist in meinem Universum eine große Sache. Wenn andere Lesende nun ab und an über Johannas Bücher und über "das Ereignis" reden, was da wohl wirklich passiert ist in dieser Trilogie, denke ich sehr oft: Das ist nicht wichtig. Denn das wirkliche, herzerfrischende Ereignis, das ist Johanna selbst.

Die Lesekrise oder: Eine Falte in der Wirklichkeit

Die Lesekrise schlug unvermittelt und eiskalt zu, dazu noch im Urlaub: Ich hatte sorgfältig ausgewählte Lektüre im Gepäck, eine gemütliche Liege am Wasser und Unmengen an Zeit. Nach einem fesselnden Sachbuch, das ich schon zu Hause begonnen hatte, las ich einen Roman, von dem ich schon viel Gutes gehört hatte und den ich daher für eine sichere Bank hielt – doch er entpuppte sich als allenfalls mittelmäßig und letztlich als Enttäuschung. Und es wurde noch schlimmer: Gegen jede Wahrscheinlichkeit mochte ich das nächste Buch, die warme Empfehlung einer mit einem exzellenten Buchgeschmack gesegneten Bekannten, sogar noch weniger.


Ich etablierte einen Nein-danke-Buchstapel im Hotelzimmer. Viele aktive Leser*innen kennen diesen Schrecken: die plötzliche Unfähigkeit, ein, jegliches, gleich welches Buch zu Ende zu lesen. In meiner Familie wird dieser Zustand Lesekrise genannt, ihre Opfer sind Gegenstand von Mitleid und Adressaten einfühlsamer Ratschläge, mit denen man sie aus der Misere zu dirigieren versucht („Probier doch einmal ein Sachbuch. Oder Lyrik!“). Die Ziegel im Gepäck (in dieser Familie haben E-Books keinen hohen Stellenwert) erschienen mir mit einem Mal sämtlich als Nieten, als zu banal oder der Stimmung nicht angemessen, und auch die Bücher des Partners oder der Halbwüchsigen, in deren Begleitung ich mich befand, boten aus verschiedenen Gründen keinen Ausweg. Lustloses Blättern im Reiseführer war kein Ersatz. Wie bitter: Gerade diese raren ruhigen Stunden des Urlaubs konnten nicht wie erhofft genutzt werden, mich erfasste kein Text, es machte nicht Klick.


Die Lesekrise kann jedoch auch im Alltag unerwartet zuschlagen. Als Auslöser gilt gewöhnlich ein schlechtes oder mäßiges Buch, gefolgt von einer weiteren mittelmäßigen oder schlechten Wahl; doch wer weiß, welche Faktoren hier zusammenkommen? Niemand kennt alle Unterströmungen, die das Bewusstsein erfasst haben. Ist es Stress, eine gewisse literarische Übersättigung, das eigene Schreiben, das sich in den Vordergrund drängt, sind es Sorgen, die ein Ausblenden der Welt nicht zulassen? Steht die Leserin einmal knietief in der Misere, gilt es erst einmal, Ruhe zu bewahren. Es geht, sagt sie sich, auch einmal eine Weile ohne. Widme dich deinen Liebsten, geh schwimmen, hör Musik, genieß die Natur! Aber die zischelnde Stimme der Panik lässt sich nicht verdrängen: Ohne Bücher fühlst du dich verwaist, ohne jeden Sinn, ohne Freude, und du bist nicht ganz du.


Ja, das ist wahr. Der Griff zum Buch fehlt mir, die Aussicht auf diese spezielle Freude an jedem Tag. Was, wenn die Fähigkeit, in jene Falte in der Wirklichkeit zu schlüpfen, nie mehr wiederkommt? Und doch ist es ratsam, nicht, wie es mein erster Impuls wäre, fieberhaft nach einem heilenden Gegengift zu suchen und dabei ein Buch nach dem anderen dieser vermaledeiten Lesekrise in den Schlund zu werfen. Es wäre schade um sie, sie können nichts dafür, sind vermutlich alles gute Bücher, nur ist es mir zu diesem Zeitpunkt unmöglich, ihnen gerecht zu werden. Was noch dazukommt: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch „geöffnete“, angelesene und zur Seite gelegte Bücher tatsächlich schlecht werden können, ähnlich wie der Inhalt einer angebrochenen Milchpackung. Sie faulen im Bücherregal oder auf dem Stapel ungelesener Bücher vor sich hin, bereits vor Lesebeginn degradiert und abgewertet. Das Gehirn vermerkt den Abbruch des Buchs wohl unter „Fehlgriff“.


Was ich jetzt brauche, murmle ich vor mich hin, ist ein richtiger Burner – ein Knaller von einem Buch, der mich abholt, der mich erlöst. Tatsächlich kann das manchmal helfen. Und der gute Mann an meiner Seite lässt sich erweichen, mein Kummer rührt ihn, und er reicht mir sein vielversprechendstes Urlaubsbuch, obwohl er es selbst noch nicht gelesen hat. Allein, sein Opfer ist umsonst – selbst der Knaller geht mir von der ersten Seite an auf die Nerven, das Buch will zu viel!, schimpfe ich, diese Metaphern sind an den Haaren herbeigezogen (bemühe ich selbst eine der am meisten abgelutschten von allen), und generell: zu marktschreierisch und auch langweilig und außerdem viel zu brutal. Der Mann hebt eine Braue, schweigt diplomatisch und nimmt sein Buch wieder an sich. Dann halt nicht.


Zurück auf Anfang. Vielleicht ist das Handy schuld. Social Media sind berüchtigt für Zeitdiebstahl und Gehirnerweichung, ob es daran liegt? (Wohl kaum. Lesekrisen sind viel älter als das Internet.) Ich google das gleich und finde die Bestätigung: Das Phänomen an sich ist weit verbreitet. Vor allem junge Menschen, scheint es, klagen über fehlende Zeit zum Lesen und schieben das auf Handy und Netz. Während ich noch den schönen Lesestunden hinterhertrauere, denen ich freudig entgegengesehen habe, beginnt mir ein möglicher Grund zu dämmern: Habe ich mich etwa zu sehr und zu lange darauf gefreut? Setze ich mich hier und jetzt, da mir endlich eine Pause von allem – Erwerbsarbeit, Alltagserledigungen, Pflege meines Soziallebens – gewährt wird, selbst unter Druck? Auch die Abwesenheit von Druck könnte ein Faktor sein. Denn ich lese für gewöhnlich an jedem einzelnen Tag und fast in jeder Stunde, ich lese für die Erwerbsarbeit und zum Vergnügen, optimalerweise fällt beides zusammen, und meistens gibt es eine Deadline, den Abgabetermin für eine Rezension, das nächsten Treffen meiner Leserunde oder den Rückgabetermin in der Bücherei. Selbst wenn es keine Frist gibt, setze ich mir selbst eine, und das wird es sein.


Ich konsultiere eine Freundin, eine mit Lesekrisen wohlvertraute Person, und erzähle ihr von meinen Theorien über den jeweiligen Ursprung. Unsinn, meint sie. Es liegt immer an einem schlechten oder mittelmäßigen Buch oder mehreren hintereinander. Geh dahin zurück, wo es zuletzt gut war, lautet ihr philosophischer Rat. Also gut. Weil das letzte Buch vor Einsetzen der Lesekrise ein Sachbuch war, nehme ich mir ein weiteres Werk der gleichen Autorin vor. Ein bisschen fühlt es sich an wie Schummeln, ich tue nämlich einfach so, als läse ich da weiter, wo ich aufgehört habe – und ja, es funktioniert. Zutiefst erleichtert, zugleich nicht ohne Vorsicht (es soll ja nicht wieder Druck entstehen) tauche ich wieder zwischen die Zeilen, kann ich wieder Zeit und Ort vergessen, starre ich nicht auf die Seitenzahl. Große Dankbarkeit für diese wunderbare Autorin veranlasst mich zum Erwerb eines weiteren ihrer Bücher. Und so beiläufig, dass es mir gar nicht richtig bewusst sein muss, kaufe ich noch zwei Romane dazu – schließlich gibt es ein Leben nach der Lesekrise.

Johanna Grillmayer

Johanna Grillmayer lebt in Wien. Sie studierte Geschichte an der Universität Wien und ist Redakteurin beim ORF. Ihre Romane That’s life in Dystopia (2023), Ein sicherer Ort (2024) und Ein guter Mann (2025) sind bei Müry Salzmann erschienen.

No items found.