09
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April
2026
Strudel

Strudeln mit Marlene Kelnreiter

Die Geheimnisse der Alm

Von Stefanie Jaksch
 
Als ich die Tür öffne, steht eine hochgewachsene, feingliedrige Frau vor mir. Sie hält mir ein kleines Paket hin, darin: Käse.
 
Zum ersten Mal bin ich vor einigen Jahren zum auf Marlene Kelnreiter aufmerksam geworden. Wo genau ich über sie gelesen habe, weiß ich nicht mehr, aber auf den sozialen Medien folge ich ihr, wie sie, das Stadtkind, sich im Sommer auf einsame Almen begibt, dort Ziegen hütet und Käse herstellt. Mich bewegen und begleiten ihre Gedanken und Bilder durch den Tag, durch die Wochen, und nun, als ich sie hereinbitte, wir Tee trinken und uns im Gespräch aneinander herantasten, muss ich leise lächeln. Marlene ist genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Nachdenklich, witzig, wortgewandt.


Wir machen damals kein Buch miteinander, aber wie mit vielen Menschen bleibt ein unsichtbarer Faden, über den wir verbunden bleiben. Als ich ihr schreibe, ob sie sich vorstellen kann, für WASSER zu strudeln, sagt sie: Woher wusstest du, dass genau jetzt der richtige Moment ist? Ein leicht störrischer, aber herzoffener Text ist es geworden, der die Geheimnisse, die ihr die Alm mitgegeben hat, erahnen lässt, aber nicht preisgibt. So happy to share this with you.

Gestein mit Sachen drauf

Es ist Herbst und ich sag mir, bist du arg, war das ein arger Almsommer, und hau mir selbst so lange anerkennend auf die Schultern, bis ich mich verkutze und mir in einem lauten Rülpser ein alt gewordener Traum entfährt.
 
Aber sagen wir mal, es ist noch Juli. Ich sitze auf einer wackeligen Holzbank vor meiner winzigen Almhütte. Der Nebel rauscht seit kühleren Tagen rasend schnell die Felsklippen hoch und tut dauernd so, als würde er sich gleich lichten, aber natürlich tut er es dann doch nicht.
 
Die Nächte sind dunkel und ich schlafe unruhig an ihren Rändern entlang, träume von lose in Tiermäulern hängenden Gebissen, dem manischen Addieren gesichteter Schafe und dem proaktiven Vorgehen gegen abstürzende Steilhänge, mit meinem ganzen Gewicht lehne ich mich gegen sie und versuche sie festzuhalten. All das in Halbschuhen, sie sind natürlich rutschig. Wenn ich aufwache, hat es in meinem Hals einen Kloß und in der Hütte 11 Grad. Die Decke will ich nicht unbedingt zurückschlagen.
 
Die Tage vergehen in Bewegung, die Zeit schleife ich wie eine Herde hinter mir hier.
Die Schafe laufen geräumigen Schrittes und schauen gemütlich drein, irgendwo hinter all den Wolllocken. Ziehen sie ihre Wege, bilden sie eine Schafperlenkette. Der Hund fliegt fröhlich polternd über die sanften Almmatten. Die Murmeltiere rasen pfeifend über die Schneefelder, als hätten sie gerade schulfrei bekommen.
 
Der Mensch, der sich einbildete, allein mit hunderten Tieren auf tausenden Metern Meereshöhe sein Glück zu finden, c'est moi. Seit vielen Jahren gehe ich jeden Sommer als Käserin auf die Alm – diesen Sommer dürstet es mich nach einer neuen Tätigkeit, einem profunden Alleinsein, einem wilden Almsommer, etwas Neuem. Und so lande ich als Hirtin von 320 Schwarznasenschafen auf einer abgelegenen Alm. Dort rutsche und schnaufe ich unsicheren Schrittes vor mich hin. Ich rede mir ein, dass das schon noch wird, mit der Geländegängigkeit. „Bis End Summar“, sagen sie in diesem Tal.
 
Ich bleibe stehen, überlege, mich zu bücken, um ein paar Steine aus dem Weg zu räumen, aber das freut mich dann auch nicht. So wackle und keuche ich weiter, in meinem Rucksack ist noch ein Butterbrot, aber dieses Gelände ist keins. Ich klammere mich an den Hirtenstock und ramme ihn rudernd in das Erdreich hinein, manchmal denke ich, ich fahre Boot. Ich fühle mich am richtigen und am falschen Platz, und oft dauert es, so verstehe ich, bis man sich alles eingestehen kann.
 
Etwa, dass ich Angst habe. Während ich den Blick pflichtbewusst in die Schafwolle kralle, weiß mein Körper schon, dass dieser Berghang gefährlich ist. Mein Herz rast, denn kommt man hier ins Rutschen, rutscht man bis ans Ende. Das Gebirge ist in Anwesenheit einer anderen Person, rein rational gesehen, genauso gefährlich, als wäre ich allein. Rein emotional aber macht es einen Unterschied, dass ich alleine bin. Ach, wo sind denn nur alle?
 
Um eine ausgebüchste Splittergruppe Schafe zu kontrollieren, klettere ich in mir noch unvertrautes Gelände hinauf. Weiter oben schicke ich dem Bauern ein Foto meines Ausblicks und frage, wie ich von hier gut weiterkomme. Er schickt mir das Foto retour, ein gelb geschwungener Strich liegt quer drüber. Ich denke mir OK, alles klar – good luck, girl! Und frage mich, warum ich diesem girl so viel zumute, und ob es vielleicht doch nicht immer alles allein aushalten muss.
 
Wie einsam fühlen Sie sich auf einer Skala von 1 bis 10 denn so? Es soll mich doch bitte auch mal jemand fragen! Ich massiere mir selbst den Nacken und fange vor Sehnsucht an zu weinen. Jetzt bin ich auch ganz weich und antworte ehrlich.
 
Das Handtuch, das kann ich jedenfalls nicht werfen, würfe ich es, flöge es die Klippen sehr weit hinunter, ich müsste mich abseilen, um es zu holen, und dann wäre es vielleicht so verdreckt, dass ich es in meiner kleinen Emailleschüssel nicht mehr sauber bekomme von Hand.

Abends kündigt die Wetter-App Unwetter an. Ich bin immer froh, wenn das Gewitter arschknapp oder seitwärts oder hinterrücks vorbeizieht. Hauptsache, es schlägt nicht direkt auf mich ein. Ich kneife die Augen zusammen und werfe meinen Blick hoch auf den Grat, wo sich bauschige Wolken stauen und der Wind seinen Anlauf zu mir herunternimmt. Er bläst viel zu schnell und hobelt meine Wangen rot.
 
Am nächsten Morgen steige ich den Berg wieder hoch, auch die Dunstschwaden der Nacht ziehen hoch und höher, gerne möchte ich durch sie hindurchschwimmen und mit ihnen über alles hinwegtauchen. Der Nebel lichtet sich, und spätestens bei Sonnenschein kann der Blick nicht länger so nachlässig bleiben. Ich sehe doch, dass es in meinen Augen nicht mehr so strahlt und um mein Herz nicht mehr so pocht.
 
Ich steige hinauf und hinab, so wie die Wellen über mir, früher, bevor der Berg sich aus dem Meer stülpte. Ich tauche und fische so lange herum, bis von tief unten her eine Erkenntnis ans Licht steigt. Die Sonne funkelt im Wasser und es schimmern die Enden eines Traums durch. Meine Sehnsucht ist gestillt, am Meeresgrund verschieben sich leise die Sedimente, ich wiege mich wie Seegras, während der gelbe Enzian lacht, sich das Schaf schüttelt, alte Ideen aus seinem Fell stürzen, sich zwischen Algen auflösen, Luftblasen an die Oberfläche steigen, es sitzen neue Ideen drin, blubbernd. Es ist ein Auf und Ab, und dabei immer ein Weiter. Ich atme tief ein und schaue den Berg an, er ist ganz still und es ist ihm ganz egal, was für mich als nächstes kommt.
 
Oben am Grat angekommen, hau ich mir selbst so lange anerkennend auf die Schultern, bis ich mich verkutze und mir in einem lauten Rülpser eine neue Erkenntnis entfährt.
 
Eigentlich ist alles Gestein mit Sachen drauf. Alles ist wie mein Herz. Mein Herz alles ist.

Marlene Kelnreiter

Um vom Porzellanpüppchen zum Porzellanvieh zu mutieren und Träume in Wirklichkeit zu verwandeln, zieht Marlene Kelnreiter jeden Sommer in die Berge. Für sie einer der intensivsten Orte, an dem man sich physisch und psychisch wunderbar abarbeiten kann. Eigentlich kommt sie aus der Kultur- und PR-Branche, mittlerweile hat sie sich ganz dem Käse verschrieben und bietet ganzjährig Käse-Kurse an. Ihre Almsommer-Abenteuer kann man in ihrem Dairy Maid Diary verfolgen:
www.marlene-kelnreiter.at

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