Das Schreiben als ernste Angelegenheit
Von Stefanie Jaksch
Das erste Mal begegne ich Lisa-Viktoria Niederberger in Textform, ohne zu wissen, dass sie hinter der Kurzgeschichte steckt, die mich sofort in den Bann zieht. Ich bin damals Teil einer Jury, die Einreichungen sind anonymisiert. „Und Zohreh schreit“ heißt der Text, eine Art Weltuntergangsgeschichte,die so realistisch ist, dass sie mir tief in die Knochen fährt. Von „biblischer Wucht“ spreche ich, wenn ich über diesen Text mit anderen rede, und ich meine es auch so.
Als wir schließlich aufeinandertreffen, mögen wir uns sofort und bleiben in Kontakt. Das Schreiben, begreife ich, ist für Lisa eine ernste Angelegenheit im besten Sinn, es ist Leidenschaft und Auftrag zugleich, sie recherchiert akribisch, wenn sie ein Thema fasziniert, und sie teilt ihr Wissen mit unglaublicher Begeisterung. Drei Bücher – ein Kinderbuch, ein Essay, ein Roman – sind in schneller Folge entstanden, und all das ist nicht nur ein logischer Erfolg, sondern vor allem das Ergebnis von Ausdauer, Geduld und Durchhaltevermögen.
Lisas STRUDEL rührt an die Frage, wie sehr sich Autor:innen heute online verfügbar machen müssen oder wollen, um erfolgreich zu sein. Zum Verzweifeln? Ganz ehrlich: schon.
Illustration S.R. Ayers
Höre ich tief genug in mich hinein, weiß ich es: Social Media – vor allem Instagram – müssen weg aus meinem Leben, aus meiner Arbeit, aus der Art, wie ich meinen Tag gestalte. Seit dem letzten Sommer wächst mein innerer Widerstand mehr und mehr, und trotzdem kehre ich nach abstinenten Phasen von einigen Tagen oder Wochen immer wieder in die grelle virtuelle Welt zurück. Zu der Unruhe, Panik und den Selbstzweifeln, die sie mit sich bringt. In diesem Frühjahr ist mein Romandebüt erschienen. Instagram genau jetzt zu verlassen, scheint der schlechtestmögliche Zeitpunkt von allen zu sein. Oder eben genau nicht.
Es häufen sich die Tage, an denen sich das Positive, Schöne und Gute, das ich in den vergangenen Jahren auf Instagram gefunden habe – Freund*innen, Verlagskontakte, Lieblingsbücher, Trainingspläne, Solidarität –, verloren anfühlt. An denen sich stattdessen in meinem Social-Media-Feed all das Schlechte sammelt, das mich an der Welt verzweifeln lässt. Faschismus, Misogynie, KI-Heilsversprechen und knallharter Kapitalismus. ICE-Verhaftungen, verwackelte Bilder von vermummten Kerlen, die mit brutaler Effizienz Bürger*innen aus ihren Leben reißen und in Autos zerren, weinende Kinder, rassistische Gewalt. Werbung von dubiosen Coaches, die Kurse verkaufen, in denen sie vermitteln, wie man KI-Frauen für OnlyFans-Content erstellen kann und das Ganze noch als gute Möglichkeit für passives Einkommen darstellen. Reels von sogenannten normschönen Körpern, von Frauen mit minimalem Körperfett, die mich dazu bringen, meinem bald 40-jährigen Körper mit mentalem Mobbing begegnen zu wollen, weil durchschnittliches Körperfett ihn umhüllt und plötzlich Haut hängt, wo bisher Spannung war. Dazwischen: Shitstorms, Enshittification, AI-Slop. Statt den Inhalten, die mich interessieren, habe ich all das, was ich hasse, mich ärgert, was mir Angst macht, in meiner Hosentasche, in meiner Hand, vor meinen Augen, in meinem Herz und Hirn, ohne dass ich irgendeine Kontrolle habe oder die Möglichkeit, zu moderieren, was ich als nächstes sehe.
Das ist nicht gut für mich, kann nicht gut für mich sein, weiß ich mit genau der gleichen Sicherheit, die mich vor einigen Jahren erst meine letzte Zigarette rauchen und meinen letzten Spritzer trinken hat lassen. Auch damals habe ich tatsächlich aus beruflichen Gründen gezweifelt und gezögert. Seit meinen frühen Zwanzigern bin ich dem Literaturbetrieb verbunden, das Rauchen und das Trinken sind lange Zeit Katalysatoren von Lesungen, Projekten usw. gewesen. Schnäpse an Messeständen, ein Joint mit den Kolleg*innen am Dach des Literaturhauses, die Party von Verlag X in Leipzig – so sind schon einige meiner beruflichen Kontakte entstanden, und damit Lesungseinladungen oder Auftragstexte. Ich dachte, wenn ich daran nicht mehr teilhätte, wäre das ein Nachteil für mein Schreiben. Nun hat sich ein Großteil der Kontaktanbahnung im Literaturbetrieb längst von den Rauchterrassen in meine Instagram-DMs verlagert. Ich lerne jetzt nach Likes und kommentierten Storys Blogger*innen und Buchhändler*innen kennen, wir vereinbaren Treffen, Kooperationen, Workshops, Signierstunden – und nicht nur das, auch Verlagskontakte ergeben sich. Am Anfang meiner letzten beiden Bücher standen Instagram-Nachrichten von Verlagsleiterinnen. Wäre das anders auch möglich gewesen? Ziemlich sicher, aber dennoch: wissen tu ich es nicht. Vertraute Sorgen kommen in mir hoch: Was, wenn ich mich dem entziehe? Wenn ich Instagram endgültig verlasse – franst dieses Netzwerk dann aus, löst es sich auf? Bleiben meine Bücher und ich auf der Strecke?
Ich habe mich lange gegen eine Homepage gewehrt. Ich wollte das nicht, fand es irgendwie präpotent, als würde ich mich dadurch größer, erfolgreicher machen wollen, als ich es war. „Ich fühle mich nicht berühmt genug, um eine Homepage zu haben“, habe ich vor einigen Jahren im Rahmen meines Bachelorstudiums in einer Lehrveranstaltung über Selbstständigkeit zum Kursleiter gesagt. Rund um mich haben die Kommiliton*innen genickt, aber der Professor hat nur resigniert geseufzt. „Eben gerade deswegen, weil ihr noch keine etablierten Künstler*innen seid, braucht ihr doch eine Homepage. Ihr müsst googlebar sein, man muss sich ein Bild von euch und eurem Portfolio machen können.“ Das konnte ich nachvollziehen. Meine Homepage ist längst ein Selbstläufer, und auch der Newsletter, den ich seit neustem monatlich verschicken werde, gehört zum Bürokram-Teil des Autorinnen-Seins genauso dazu wie Rechnungen schreiben, Druckerpatronen kaufen und Zugverbindungen suchen. Mit Instagram ist es ähnlich und doch ganz anders. Auch hier habe ich das Gefühl: Sich den Luxus erlauben zu können, Social Media nicht zu bedienen, kann nur, wer berühmt genug ist.
„Ihr müsst auf Social Media sichtbar sein. Wer heutzutage auf Instagram nicht präsent ist, existiert nicht.“, sagt 2024 die Kursleiterin in einer Online-Fortbildung über Buchmarketing auf Instagram zu mir und den Kolleg*innen, wir schreiben es brav auf, unterstreichen es, glauben es. Es bestätigt meine Annahme, sich Abwesenheit auf Social Media erst durch Präsenz auf Social Media erarbeiten zu müssen. Und für ein paar Wochen tue ich, was ich gelernt habe, mache Reels, mache Untertitel und Bildbeschreibungen und einen Upload-Plan, wiederhole in meinen Storys und Beiträgen gebetsmühlenartig: Mein Buch erscheint bald. Wenn es euch interessiert, bitte bestellt es vor. Vorbestellungen sind so, soo, sooo wichtig für Autor*innen. Und auch wenn es stimmt, fühle ich mich dabei schmutzig, merke ich, wie ich zu viel Zeit damit verbringe, mich mit Kolleg*innen zu vergleichen. Ich ertappe mich im Frühjahr 2025 dabei, dass ich das Paket mit den Autor*innenexemplaren von „Dunkelheit. Ein Pädoyer“ nicht einfach so stürmisch aufreiße, wie ich möchte, sondern erst meine Fingerabdrücke von der Smartphonekamera wische und prüfe, aus welcher Richtung das Licht kommt, bevor ich das Stativ aufstelle, um zu filmen, wie ich mein neues Buch das erste Mal sehe. Keine Neuerscheinung ohne Unboxing-Video. Es bekommt Likes, aber zerstört mir den Moment der Freude, des Stolzes. Ein Jahr ist das jetzt her, das nächste Buch, mein Romandebüt, seit knapp drei Wochen in den Buchläden und auf Instagram, die Lesungen mit Leuchtstift im Kalender markiert, ein Ordner im Google-Drive voller Content zur Buch-Promo. Die Werbe-Posts fallen mir schon vor dem Erscheinungstermin noch schwerer als beim vorherigen Buch. Irgendetwas windet sich in mir, sträubt sich so, dass ich alles andere lieber tue: Bad putzen, Steuer machen, diesen Text beginnen. Ich denke an die Kollegin, die, als wir uns im Winter auf der Buch Wien getroffen haben, zu mir sagte, sie würde bewundern, wie konsequent und authentisch ich posten würde. „Danke, ich hasse jede Minute davon“, habe ich geantwortet und in ihrem und den Gesichtern der Umstehenden gesehen, dass sie sich dachte, was ich mir auch denke: Warum tust du es dir dann an? Weil ich das Gefühl nicht abschütteln kann, dass ich muss. Dass es eben dazugehört, dass ich es meinen Büchern schuldig bin, neben der Arbeit, die Verlag und Vertrieb, Buchhändler*innen und Bloggende machen, auch selbst aktiv zu werden.
Und trotzdem, wenn ich ernsthaft denke, mein Content würde über meinen Erfolg als Schriftstellerin entscheiden oder ihn zumindest maßgeblich prägen, möchte ich im Quadrat kotzen. Ich hasse jede Sekunde, die ich mit all diesen Gedanken verschwende. Hasse das Gefühl der Abhängigkeit von all diesen Apps und von all dem, was sie vorgeben zu sein. Und doch, wenn ich poste, zieht mich mein Handy alle paar Minuten an wie ein Supermagnet. Freude über Interaktionen und die Angst, etwas zu verpassen, sie existieren nebeneinander und gleichzeitig, der Klick auf die App-Icons ist längst zum Automatismus geworden.
Die Tech-Unternehmen hinter den Apps wissen das, unsere Unfähigkeit, sich den Plattformen zu entziehen, ist deren Gewinn, ist Teil des Geschäftsmodells. Ist kein Fehlverhalten der Nutzer*innen selbst, sondern pures in Interface und Inhalte hineinprogrammiertes Kalkül, um durch steigende Bildschirmzeit mehr Nutzerdaten zu generieren, die teuer weiterverkauft werden können oder mit denen KI trainiert wird. Es gibt nicht umsonst ausgerechnet im Silicon Valley „tech-free“ Tagesstätten, die damit werben, dass Kinder dort bildschirmfrei betreut werden. Das sollte uns stutzig machen, oder nicht? Denn wie unvorstellbar wäre ein Kindergarten im Krankenhaus, der sich rühmt, eine Betreuungseinrichtung ohne in Erste Hilfe geschultes Personal zu sein? Würden Bio-Bäuer*innen auf eine nicht-bio Ernährung für ihre Kinder bestehen, oder Schriftsteller*innen auf Kindergärten und Schulen ohne Bücher?
Je intensiver ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich kein Teil mehr davon sein, keine Sekunde Aufmerksamkeit mehr Dingen schenken, die mich so fertig machen, dass ich nicht mehr schlafen kann, möchte, dass kein einziger Bit an Nutzerdaten von mir erstellt wird. Ich will, dass das keine Macht mehr über mich hat. Ich will alles löschen. Nicht temporär. Endgültig. Kein Zögern, keine Ankündigung, keine Erklärung, kein Zurückblicken. Kalter Entzug. Wie bei den Zigaretten damals. Ein Blick nach oben, statt nach unten ins Telefon, in den echten Himmel, in die Gesichter meiner real anwesenden Freund*innen. Etwas für meine Hände, um sie zu beschäftigen, das mehr ist als liken, speichern, folgen, verzweifeln. Ich hoffe so, ich traue mich. Irgendwann. Bald.
Lisa-Viktoria Niederberger, geboren 1988, lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Linz. In ihren Texten spürt sie den Beziehungen zwischen Mensch und Natur nach und lotet Möglichkeiten eines solidarischen Zusammenlebens aus. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Frau-Ava-Literaturpreis, dem Theodor-Körner-Preis und dem Kunstförderpreis sowie dem Marianne.von.Willemer-Frauen.Literatur.Preis der Stadt Linz. Nach Veröffentlichungen in verschiedenen Genres – von Kinderbuch über Essay bis Kurzprosa – legt sie mit LAHEA (Otto Müller Verlag) im Frühling 2026 ihr Romandebüt vor.
https://lisaviktorianiederberger.at