von Stefanie Jaksch
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Als sich Jasmin Riter bei mir meldet, freue ich mich. Einfach weil es schön ist, wenn sich Menschen melden, die ich zwar noch nicht kenne, die aber Lust haben, etwas auszuprobieren. Als ich das erste Mal "in echt" mit ihr rede, auf der Leipziger Buchmesse, fĂŒhlt es sich gleich ein bisschen vertraut ein: Ihrem Deutsch ist eindeutig ein Stuttgarter Akzent anzuhören â ich habe zweieinhalb durchwachsene Jahren in der Schwabenmetropole verbracht, und höre ich Jasmins Sprachmelodie, denke ich  gleich wieder an Wasen, "HerrgottsbscheiĂerle" und lange NĂ€chte im Theater. Jasmin erzĂ€hlt frei von der Leber weg, sie liebt BĂŒcher, sie schreibt, sie hat etwas sehr Zupackendes an sich, etwas Furchtloses. Und sie beobachtet die Welt sehr genau â als Frau, als Mutter, als Mensch.
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Zu ihrem STRUDEL sagen meine Kollegin Julia und ich sofort "Ja!". Er hat keine Lösungen parat, aber gibt Fragen, die mir Freundinnen mit Töchtern in letzter Zeit sehr oft, öfter als sonst stellen, einen Raum. Der Kern ist immer: Wie kann das alles gehen, wie bereite ich meine Tochter auf diese Welt vor? Bei einem Treffen in Bregenz, bei dem Jasmin und ich auch ĂŒber ein anderes Projekt reden, kommen wir auch auf die andere Frage zu sprechen, die ebenso viele umtreibt: Was ist mit den Söhnen? Wie bereiten wir sie vor? Der Versuch einer Antwort: Wir versuchen einfach unser Bestes. Und finden gemeinsam heraus, wie es gehen kann. Gemeinsam. Danke Jasmin, fĂŒr deine Fragen.
Illustration S.R. Ayers
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Meine Tochter wird dieses Jahr 15. Es wird nicht mehr lange dauern, und sie wird auf Partys gehen, sich mit Jungs treffen, abends allein unterwegs sein. Bei mir jedenfalls hat das in dem Alter angefangen: Samstagabende in der âDiscoâ der örtlichen Tanzschule. Die ersten Male, dass ich mit meinen Freundinnen in die 18-Uhr-Vorstellung im Kino durfte â wenn wir aus dem Saal kamen, war es schon dunkel. Und Sebastian, den ich im Konfirmandenunterricht kennengelernt habe und der mein erster fester Freund wurde.
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Ich habe mich selbst immer wieder dabei ertappt, dass ich schon vor einigen Jahren ganz selbstverstĂ€ndlich damit angefangen habe, meiner Tochter Verhaltensregeln beizubringen, die uns MĂ€dchen und Frauen vor Angriffen, vor Ăbergriffen und vor noch viel Schlimmerem bewahren sollen. Weil meine Mutter sie mir beigebracht hat und ihre Mutter wahrscheinlich ihr. Weil sie offenbar zu einer Art geheimem âVerhaltenskodexâ von MĂ€dchen und Frauen gehören, in den wir spĂ€testens als Jugendliche eingeweiht werden:
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âą âGeh im Dunkeln nie alleine heim, immer mit einer Freundin â oder ruf uns an zur Not, dann holen wir dich ab.â
âą âWenn dich einer angreift, tritt ihn zwischen die Beine.â
âą âEin zwischen die Finger geklemmter SchlĂŒssel ist im Notfall eine gute Waffe.â
âą âRuf lieber âFeuer!â als âHilfe!â.â
âą âTrag keine zu kurzen Röcke und keine zu tief ausgeschnittenen Tops und erst recht nicht beides zusammen â oder nimm dir wenigstens was zum DrĂŒberziehen fĂŒr die U-Bahn mit.â
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Aber dann habe ich angefangen, das Ganze zu hinterfragen. In was fĂŒr einer Gesellschaft leben wir? In was fĂŒr eine Gesellschaft entlasse ich meine Tochter?
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Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir MÀdchen und Frauen beibringen, ihr GetrÀnk niemals aus den Augen zu lassen, wenn sie ausgehen. Und in der nicht etwa die mÀnnlichen Kneipen-, Bar- und Discobesucher am Eingang ausreichend kontrolliert werden.
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Wir leben in einer Gesellschaft, in der es schon an Schulen Kleiderordnungen gibt, damit die Outfits der MĂ€dchen das mĂ€nnliche Lehrpersonal nicht daran hindern, sich zu konzentrieren. Aber wenn sich ein MitfĂŒnfziger nicht konzentrieren kann, weil zwölfjĂ€hrige MĂ€dchen in seinem Klassenraum im Hochsommer Tops mit SpaghettitrĂ€gern anhaben, dann ist mangelnde KonzentrationsfĂ€higkeit sein kleinstes Problem.
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Wir leben in einer Gesellschaft, in der es normal ist, Vergewaltigungsopfer danach zu fragen, was sie denn anhatten. In der sich laut SchĂ€tzungen mindestens 85 Prozent der Vergewaltigungsopfer nicht trauen, die Tat anzuzeigen. Und in der doch angezeigte TĂ€ter dann nicht verurteilt werden, weil das Opfer rote UnterwĂ€sche trug und das ja wohl zeigt, dass sie nur auf Sex aus war. In der TĂ€ter nicht verurteilt werden, damit ihr Beamtenstatus nicht gefĂ€hrdet wird. In der TĂ€ter nicht verurteilt werden, weil sie âjung und begabt sindâ.
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Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir laut fragen, warum Frauen, die Opfer hĂ€uslicher Gewalt werden, sich âdas denn gefallen lassen und nicht einfach gehenâ. WĂ€hrend zugleich die Finanzierung unzĂ€hliger Frauenhilfsangebote am seidenen Faden hĂ€ngt oder ganz gestrichen wird. WĂ€hrend es viel zu wenig FrauenhĂ€user gibt und Frauen dort mit ihren Söhnen nicht hin flĂŒchten können, falls diese schon ĂŒber zehn Jahre alt sind. WĂ€hrend die Bundesregierung rĂŒckwirkend alle AntrĂ€ge beim Fonds âSexueller Missbrauchâ ab dem 19. MĂ€rz 2025 abgelehnt hat. Ohne Vorwarnung. Ohne Ăbergang. Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, bekommen einfach keine Hilfe mehr. Beratungsstellen stehen vor dem Aus. Der Staat zieht sich aus der AffĂ€re.
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Dabei könnten die Verantwortlichen durchaus etwas tun. Wenn finanzielle Mittel bereitgestellt werden und die Regierungsparteien Interesse zeigen, dann passiert etwas. Man denke etwa an die Kampagne âKeine Macht den Drogenâ aus den 1990er-Jahren, damals Teil des sogenannten nationalen RauschgiftbekĂ€mpfungsplans, durch die es gelang, âin der breiten Bevölkerung eine groĂe Akzeptanz zu erlangen sowie ein Bewusstsein fĂŒr die Drogenproblematik zu schaffenâ, wie es auf der Homepage von âKeine Macht den Drogenâ heiĂt . Oder an die Kampagne âGib AIDS keine Chanceâ der Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung, die 1987 startete und einen Bekanntheitsgrad von 95 Prozent in der deutschen Bevölkerung erreichte. Vergleichbare Bestrebungen zur Verhinderung von sexualisierter Gewalt an MĂ€dchen und Frauen fehlen. Die Mitglieder der Regierungsparteien weisen die Verantwortung fĂŒr diese Probleme von sich und bĂŒrden sie dem Individuum auf: jedem einzelnen MĂ€dchen, jeder einzelnen Frau.
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Und damit sind wir, MÀdchen und Frauen, weiterhin jederzeit in Gefahr. In Gefahr, sexualisiert zu werden, objektiviert zu werden, belÀstigt zu werden, missbraucht zu werden, vergewaltigt zu werden.
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Jahrhundertelang lautete daher die Maxime fĂŒr uns: brav sein, still sein, sich anpassen, bloĂ keinen Ărger machen, kein Aufsehen erregen. Jahrzehntelang wurde von uns erwartet, dass wir die genannten Probleme lösen. SchlieĂlich betreffen sie ja auch uns.
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Wie also können wir dafĂŒr sorgen, dass wir sicher nach Hause kommen? Was ziehen wir an, damit wir durch unser ĂuĂeres keinen Mann ungewollt sexuell erregen? Wie verhalten wir uns, damit wir nicht Opfer sexualisierter und hĂ€uslicher Gewalt werden? Auf lange Sicht hat nichts davon geholfen. Weil wir nie das Problem waren.
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Stellen wir uns mal vor, von MĂ€nnern wĂŒrden vergleichbare VorsichtsmaĂnahmen erwartet, wie wir sie Frauen vorschreiben, wenn sie abends ausgehen: Teile jederzeit deinen Standort mit Freunden â dann kannst du, wenn nötig, im Nachhinein nachweisen, dass du nicht an dem Ort warst, an dem eine Frau angegriffen wurde. Ăberlege dir gut, was du anziehst, damit du nicht wie ein AufreiĂer aussiehst und deshalb womöglich falsch verdĂ€chtigt wirst. Denk daran, ausreichend Testkits mitzunehmen, mit denen du vor Ort beweisen kannst, dass das GetrĂ€nk, das du einer Frau gerade ausgegeben hast, clean ist und du nichts hineingekippt hast. Trink selbst nicht zu viel Alkohol, damit du jederzeit Herr deiner Sinne bist und absolute Kontrolle darĂŒber hast, was du tust.
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Der Aufschrei wĂ€re groĂ. MĂ€nner in ihren Grundrechten einschrĂ€nken und beschneiden zu wollen? Das kann ja nur von weltfremden und feministischen Emanzen kommen, von hysterischen, mĂ€nnerhassenden Harpyien, denen nur daran gelegen ist, das Leben der MĂ€nner zu zerstören.
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Was also tun? Es reicht nicht, MĂ€dchen und Frauen zu stĂ€rken, wenngleich dies der erste und wichtigste Schritt ist. Wir mĂŒssen dafĂŒr sorgen, dass feministische Frauen und feministische Denkweisen in den Medien anders, will sagen: korrekt dargestellt werden. Wir mĂŒssen unsere Söhne entsprechend erziehen. Und die MĂ€nner mĂŒssen den Mund aufmachen, wann immer sie unpassende Aussagen oder Verhaltensweisen ĂŒber MĂ€dchen oder Frauen hören oder beobachten. GegenĂŒber ihren Freunden, ihren Verwandten, Kollegen und Fremden. Im Fitnessstudio, in der Kneipe, bei der Arbeit, auf der StraĂe. Wir können diesen Kampf nur gemeinsam gewinnen.
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Ich erziehe meinen Sohn entsprechend und ich bin davon ĂŒberzeugt, dass er als Erwachsener einmal auch so handeln wird. Aber im Moment ist er erst sieben Jahre alt und ich sehe leider nicht ausreichend viele MĂ€nner in meiner Umgebung, die sich entsprechend verhalten. Also bleibt mir vorerst nichts, als meiner Tochter all die Verhaltensweisen beizubringen, die wir alle verinnerlicht haben. Und zugleich mit ihr jederzeit und immer fĂŒr die Rechte aller MĂ€dchen und Frauen und ihre Unversehrtheit einzustehen und zu kĂ€mpfen.
Jasmin Riter wird 1983 in Stuttgart geboren und verbringt Anfang der 2000er Jahre einige Zeit in Rom und Berlin. Heute lebt heute sie mit ihrer Familie im schwĂ€bischen Remstal. Sie gibt feministische Schreibworkshops, tritt bei Podiumsdiskussionen auf und hĂ€lt VortrĂ€ge zu feministischer Literatur. Auf ihrer Homepage www.jasmin-riter.de fĂŒhrt sie eine stĂ€ndige feministische Leseliste, auf Instagram postet sie unter @jasmin.riter. Ihr DebĂŒt âOrcawaleâ erschien 2024.
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