von Stefanie Jaksch
Dass ich Anne treffe, verdanke ich Corinna Radakovits. Als die Idee des STRUDELs geboren wird, ist eine der "Regeln", dass jede:r Schreibende eine andere Person vorschlägt, die sie oder er gern strudeln sehen möchte. Corinna zögert nicht, sondern schickt mir einen Namen: Anne Müller. Für mich ist das auch ein Wagnis, als ich die Nachricht mit der Einladung, einen Text zu verfassen, absende: Wer ist das am anderen Ende? Wer liest meine Email? Wird die Person sich trauen, mit mir ins "kalte Wasser" zu springen?
Anne, so viel ist klar, wird springen, und zwar voller Überzeugung. Unser erster Call wird gleich ein Deep Dive in viele Themen, die uns beide umtreiben, wir erkennen uns ineinander. Nichts an Anne ist Oberfläche, sich mit ihr auszutauschen bedeutet, selbst klar sein zu müssen, klar sein zu wollen. Als sie mir von ihrer Textidee erzählt, bin ich sofort Feuer und Flamme. Als ich "Ich wohne in meinem Kopf und fühle in Gedanken" das erste Mal lese, bin ich sehr gerührt: Ich spüre seine Dringlichkeit, verstehe die Freude, aber auch die Verzweiflung, in die einen die eigenen Gedankenbahnen stürzen können.
"Hallo, Gedankenwelt. Los geht's, wohin trägst du mich heute?", fragt Anne in ihrem Text. Die Frage stelle ich mir jeden einzelnen Tag. So auch heute. Let's go.
Danke, Anne.
Illustration S.R. Ayers
Ich liebe mein Gehirn. Ich habe es mir gemütlich eingerichtet, in meinem Kopf. Zwischen all seinen Windungen und auf seinen neuronalen Autobahnen bin ich zu Hause. Ich beobachte, analysiere, drehe und wende, blicke zurück und voraus, versuche zu erahnen und zu verstehen. Ich ordne ein, begründe, argumentiere, bleibe in Gedanken und Szenarien hängen, springe von Fetzen zu Fetzen, drehe mich im Kreis und bin manchmal ganz angestrengt davon, dass die gleichen Worte immer wieder von den Wänden der heiligen Hallen meines zerebralen Wohnzimmers widerhallen.
Manchmal denke ich mehrere Gedanken gleichzeitig. Im Hintergrund spielt jemand eine leise Musik. Nein, keinen ganzen Song, kein ganzes Stück – nur den gleichen Abschnitt, immer und immer wieder, bis mein Frontallappen brennt.
Es gibt für mich kaum ein schöneres Gefühl, als am Morgen mit einem schillernden Gedanken aufzuwachen, an dem ich anhaften möchte, ihn festhalten, um ihn in Buchstaben zu gießen. Geradezu funkelnd und bewusstseinserweiternd einleuchtend erscheint er mir in diesem Moment. Ich fühle mich lebendig, inspiriert, bereit dazu, das Chaos in meinem Kopf zu zähmen und den gerade noch gedachten Gedanken in Form eines Textes zu gebären.
Meist jedoch hat sich der Gedanke schon verflüchtigt, bis ich die zehn Schritte ins Badezimmer gehen konnte. Ich ärgere mich, ermahne mich zu mehr Notierenthusiasmus. Doch ich vertraue auch: Das ständige Fließen der Gedanken zeichnet sie doch gerade aus und manches, das schon einmal gedacht wurde, lädt mich später zu seiner Fortsetzung ein.
Dann wieder beim Zähneputzen, beim Duschen, beim Schminken und Frisieren: Gedanken über Gedanken. Ich klebe an To-dos, Aufgaben und Plänen, an Verantwortungen und Unleidlichkeiten. Und so, wie wenn man denkt: „Die günstigen Haftnotizen tun‘s auch“, so entgleiten mir alle Gedanken wie diese nicht haften wollenden Zettel in einem meiner zwölf Notizbücher, in denen nur auf den ersten Seiten Worte stehen. Aber beim nächsten Buch wird‘s sicher anders, das nächste wird mein Schatz und meine Gedankensortiertstation. Ganz bestimmt. Ehrlich.
Ich schnappe etwas auf, einen Satz einer Freundin, in einem Buch oder in einer der Serien, die ich immer wieder von vorn ansehe, um meinem Gehirn wenigstens ein klitzekleines bisschen Entlastung zu schenken. Und schon ist er da, der nächste kluge Gedanke, der sich in einer nicht enden wollenden Assoziationskette verirrt wie im größten Labyrinth der Welt. Zuerst: Freude! Ha, ein Gedanke! Lust am Gedankenspiel und am Fortsetzen des Gedachten. Ekstase über das Finden von Ideen und das Schmieden von Plänen.
Dann: Hast. Immer mehr, immer schnellere Gedanken, immer mehr, was beachtet werden muss, immer mehr mehr mehr mehr, was gedacht werden muss. Das Denken wird zum Müssen, zur Anstrengung, zur Qual.
Und schließlich: Gefangenschaft in meinen eigenen Schleifen, im Karussell, das sich in meinem Kopf unaufhörlich zu drehen scheint. Erlösung finde ich für eine Weile dort, wo andere schon einmal vorgedacht haben: in Büchern. Ich lasse mich zum Rhythmus der Seiten treiben, werde langsamer, möchte jeden Satz sorgsam in mir aufnehmen. All die Geschichten schaffen Raum und ein klein wenig Distanz zu meinen eigenen Gedanken. Sie lassen mich durchatmen.
Gefühle? Denke ich. Sie sind flüchtige Schemen, die hin und wieder durch mich hindurch huschen. Mein Gedankenwohnzimmer ist ihnen unheimlich, hier sind sie Fremde, die noch keine Gastfreundschaft erleben durften. Manchmal jedoch werden sie von all der Nichtbeachtung riesig, ganz mächtig. Doch ihren eigenen Raum zu beanspruchen, daran ist ihnen nicht gelegen. Stattdessen wirken sie als Verstärker der Gedanken, erlauben ihnen, die Lautstärke noch einmal bis zum Anschlag aufzudrehen. Error. Overload.
Ich liebe mein Gehirn, es ist für mich der sicherste Ort. Hier kenne ich mich aus und es scheint alles möglich zu sein. Hier kann ich so schnell von Synapse zu Synapse rasen, wie ich möchte. Hier gibt es unendliche Weite, unzählige Alternativen. Hier gibt es Regeln und Analysen, Strategien und Logik, einen Raum der Möglichkeiten, so groß, dass ich seine Grenze noch nicht einmal erahnen kann. Hier gibt es wenig zu sehen und viel zu denken. Kaum ein Bild huscht an meinem inneren Auge vorbei – und schon gar keins, das sich dauerhaft betrachten lassen würde. Worte und endlose Textfluten sind meine Spielwiese.
Doch manchmal wird dieser unendliche Möglichkeitsraum vom ganzen Kreisen um sich selbst und wegen der ganzen „Wenns” und „Abers” ganz stickig und laut. Wie bei einer WG-Party nachts um drei, wenn die Musik in den Ohren fiept und alle zu müde und betrunken sind, aber sich keiner verabschieden will, weil das Gehen noch anstrengender ist als das Bleiben. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Gedanken überlagern sich wie Stimmen, der gleiche Song läuft zum hundertsten Mal. Alle sind gelangweilt, wollen aber an der nostalgischen Freude festhalten, die er ihnen vor Stunden noch beschert hat. Es ist fad geworden, anstrengend.
Wenn mein Gehirn zur schallenden WG-Party mutiert, hilft nur eins: Das Risiko eingehen, die Sause zu crashen, den Anfang zu machen und nach Hause zu gehen. Die frische Nachtluft bringt Klarheit. Dann legt sich der Schlaf wie eine samtige, schwarze Decke mit all ihrem Gewicht über die letzten Gedankenblitze und verspricht sanfte Stille.
Und am nächsten Morgen: Alles von vorn. Hallo, Gedankenwelt. Los geht’s, wohin trägst du mich heute?
Ich liebe mein Gehirn, meine Gedanken. Hier fühle ich mich sicher wie in einem vertrauten Zuhause. Ich bin gern allein an diesem Ort, damit ich mich vollständig auf das konzentrieren kann, was hier los ist und mir bloß kein noch so kleiner Gedankenkrümel entwischt. Ich ziehe mich hierhin zurück, wenn es im Außen zu ungewiss wird und ich mich in der Sicherheit des Bekannten wissen will. Und ich weiß, dass jedes noch so anstrengende Zuhause die bittersüße Entlastung der Vertrautheit mit sich bringt. Denn: Ich wohne in meinem Kopf und fühle in Gedanken.
Anne Müller ist freie Lektorin, Sensitivity Readerin und systemische Beraterin. Eigene Texte publiziert sie regelmäßig u. a. bei Steady. Ihre Arbeit und ihre Texte gestaltet sie grenz-, diskriminierungs- und privilegiensensibel. Sie liebt es, ihren Gedanken nachzuhängen und dem Wetter in Stille beim Ziehen zuzusehen.