von Stefanie Jaksch
Martha Kniewasser begegne ich das erste Mal in Ottensheim, einem Ort in der Nähe von Linz. Ich bin dort, um zu moderieren, ich spreche mit der Autorin Ronya Othmann über ihr monumentales Buch "Vierundsiebzig", in dem sie die Geschichte und Gegenwart der Jesiden nachvollzieht. Es ist ein intensives Gespräch, und als wir danach noch beisammenstehen, wenden sich einige Besucher:innen an uns. Martha ist eine von ihnen, aber sie fragt eigentlich nichts, sie gibt uns nur zu verstehen, wie sehr sie der Nachmittag berührt hat.
Ein paar Tage später flattert ein Mail in mein Postfach, es ist von Martha. Sie sei sonst nicht so sprachlos, schreibt sie, aber manchmal sei es eben so mit den Gefühlen, manchmal sind sie zu groß, und ich verstehe sofort, was sie meint. Wir bleiben in Kontakt, Martha hat Ideen für einen Strudel, und ihr tastendes Suchen, ihre feinen Antennen für das, was zwischen den Zeilen passiert, hinterlässt Eindruck bei mir. Über die Zeit entsteht mit "Wer bist du?" ein Text, der ebenfalls sucht, der keine letzten Erklärungen hat, weil das nicht möglich ist, wenn man lebt, wenn man wach ist für die Welt und das Verortet-Sein in ihr. Martha sucht, aber sie weiß auch, wer sie ist. Martha spürt viel hin, findet aber auch klare Worte. Wer ist Martha? So eine ist sie.
Illustration S.R. Ayers
Wenn ich auf diese Frage reagiere, dann gebe ich, vermutlich je nach fragender Person und je nach meiner Tagesverfassung, unterschiedliche Antworten.
Meine Aussage wäre geprägt von meinem momentanen Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühl. Und von den Zuschreibungen, die mich in meinem Leben erreicht und manchmal auch getroffen haben.
Und in jedem Fall käme, in welcher Ausschnitthaftigkeit auch immer, vor, dass ich eine Frau bin. Ich lese mich als solche und werde als solche gelesen.
Ich bin eine Tanzende zum Beispiel. Oder eine Lesende. Das würde ich antworten, wenn ich nicht allzu viel von mir preisgeben wollte.
Ich bin Mutter. Das ist eine Information, die ganz schön viel über mein Leben erzählt. Ich war schwanger, habe geboren, mit Kindern gelebt, versucht, Kinder- und Berufszeit zu vereinbaren, wurde von Zuschreibungen getroffen („Rabenmutter“, „Glucke“), wurde beneidet um einen Partner, der in Väterkarenz ging, wurde bemitleidet, weil Eltern und Schwiegereltern weit weg lebten.
Aufgrund dieser Rolle habe ich mich mit Bildungskonzepten, Kinderkrankheiten, Bindungstheorie, Sprach- und Bewegungsentwicklung, Impfempfehlungen und derlei mehr beschäftigt. All das beschreibt den privilegierteren Teil meines Mutter-Seins. Verbunden mit anderen war ich durch die Tatsache, letztverantwortlich für das Wohl meiner Kinder zu sein, sie zur Priorität in meinem Leben zu machen, meine Bedürfnisse hintanzustellen und immer wieder an mir selbst und meinen Möglichkeiten, diese Rolle zu füllen, zu zweifeln („Bin ich eine ausreichend gute Mutter?“).
Ich bin aber auch Tochter, wie „weiblich“ vom Anfang bis zum Ende meines Lebens. Ich bin erstgeborene Tochter. Ich bin die älteste von drei Töchtern und Schwester. Ich war die erste in meiner Großfamilie, die maturieren und ein Studium machen konnte. Immer wieder fand ich mich in einem Spannungsfeld aus Dankbarkeit und Anspruch wieder: Mir standen Möglichkeiten offen, die für meine Eltern noch nicht vorgesehen waren und um die mich vor allem meine Mutter beneidete. Damit ging auch ein hoher Grad an Verpflichtung einher, meine Bildung zu schätzen und zu nutzen. Als Älteste sah ich mich auch mit einem hohen Maß an Verantwortung konfrontiert, ich entwickelte feine Antennen dafür, was sich in diesem Familiensystem „ausgeht“. Nicht selten fand ich mich zwischen den Stühlen wieder – zwischen Schwesternsolidarität, mütterlichem Anspruch und auch im Konfliktfeld zwischen meinen Eltern.
Ich habe früh verstanden, dass das Sein in der Welt von meinem Mädchen- und Frau-Sein geprägt ist, konnte es aber lange nicht in Worte fassen. Diese Tatsache war als Unbehagen und als leises Ungerechtigkeitsgefühl in mich eingeschrieben (Warum darf ich nicht, was Buben dürfen? Wieso höre ich, dass ich mich in Acht nehmen muss, weil Burschen eben so sind? Warum muss ich mir Gedanken darüber machen, zu welchem Anlass ich mich wie kleide?).
Mit den Jahren, im Gespräch mit Freundinnen, im Lesen von Büchern (Anja Meulenbelts „Die Scham ist vorbei“ als ein frühes Beispiel) und vor allem in der Sensibilisierung als Mutter einer Tochter wurde ich bekennende Feministin. Vieles, was mir als Jugendliche und Erwachsene begegnete, machte mich wütend. Und machte mich suchend nach einer Möglichkeit, mich auszudrücken. Und machte mich interessiert an Körpern, Kunst und Kultur.
Meine Erfahrungen machten mich neugierig auf das Leben anderer Frauen. Das Lesen machte mich bekannt mit Lebensentwürfen, die ich nicht wagte, die ich aber als Möglichkeit in mir trage. Und all das machte mich einerseits zu einer bemühten, andererseits zu einer „schwierigen“ und herausfordernden Beziehungspartnerin. Oft war ich unerträglich einsam in diesem seltsamen Konstrukt von heteronormativer Beziehung und Kernfamilie. Meine Skepsis lässt sich nicht mehr verbergen und wird tendenziell größer.
Und es machte mich zu einer singulär lebenden Frau, mit allem, was dazugehört: Zu Beginn vor allem, mich defizitär und gescheitert fühlen. Dann: erleichtert und mich ausdehnend in meinen Raum und mein Leben hinein. Freiheitsliebend, verfügend über meine Zeit, zurückgezogen manchmal, unternehmungslustig, spontan, nichts und niemandem verpflichtet, ab und zu einsam und im Wesentlichen damit einverstanden.
Seit einigen Monaten tauchen verstärkt wieder Fragen auf, die mich als Jugendliche oft und lange beschäftigten: Wer bin ich? Und wo fühle ich mich zugehörig? Die Momente von „Zugehörigkeitsahnung“ werden häufig rasch abgelöst von der klaren Erkenntnis. Da ist (zu) vieles, worin ich mich unterscheide: In meinem Verständnis von Zusammenleben oder -arbeiten, in meinem Anspruch, meinen Werten zu folgen (an meinem Arbeitsplatz), in meiner Bedürfnislage, in meinen Erfahrungen, die mir manches verunmöglichen, im Wahrnehmen meiner „alten Ausstattung“ für neue Visionen. Zum Beispiel nicht so klar und schnell zu spüren, wo meine Grenzen sind, Scheu, mich damit zu zeigen (in der „Transformationsbubble“). Ich entwickle mich entlang der Unterscheidungslinien – mit kleinen, zeitweiligen Zugehörigkeitsinseln.
In letzter Zeit gab es immer wieder Situationen, die für mich sehr verwirrend waren: Ich fühle mich mit meinen Haltungen und meinem Blick auf die Welt häufig der jüngeren Generation (den „Zoomers“) zugehörig, besonders den jüngeren FLINTAs.
Ich rücke immer wieder ein bisschen weg von den Menschen meiner Generation und fühle mich ab und an gar wie „in die falsche Generation“ geboren. Mir kommt die Auflösung der klassischen binären Geschlechterrollen total gelegen, ich mag, wie fluide und mutig junge Menschen in Erscheinung treten und habe doch meine längere und patriarchale Geschichte in mein Leben und in meinen Körper eingeschrieben: über bestimmte Prozesse, die ich nicht einfach ablegen kann. Ich will mich nicht anbiedern. Ich will mich nicht jünger geben, als ich bin. Zu mir gehören meine Verletzungen, Narben und mein Wissen. Mal fühle ich mich nahe, mal fehl am Platz und ziemlich unbeholfen in meiner Suche nach „Zugehörigkeit“.
Ich mag das Bewusstsein der jüngeren Generation für die patriarchale „Beize“, in der wir uns alle bewegen und die in jeden hintersten, privatesten und intimsten Winkel unserer Leben rinnt.
Mir tut gut, dass ich jüngere Männer erlebe, denen die eigenen Privilegien bewusst sind und die zumindest ein bisschen Bereitschaft mitbringen, die patriarchale Suppe mit uns gemeinsam auszulöffeln. Mit uns? Mit wem? Gehöre ich nun dazu?
Dieses Wissen, Anerkennen und Würdigen, dass es einen Unterschied macht, mit Vulva und weiblich sozialisiert in den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsen zu sein oder männlich sozialisiert (nonbinär war praktisch inexistent): Das ist, was ich an den Männern meiner Generation praktisch komplett vermisse. In meiner Erfahrung gibt es kaum Verständigungsmöglichkeit. Ich habe immer wieder versucht, meine Perspektive, mein Erleben zu benennen und zu erklären. Die häufigste Antwort, die mir begegnet ist: Das verstehe ich nicht! Ich weiß nicht, was du hast!
Ich erklärte und redete mich um Kopf, Herz und Kragen und blieb wund, müde, zerfleddert und wütend zurück. Ich wünsche mir so sehr ein Entgegenkommen in Form von Interesse und „verstehen wollen“ – und wo das nicht möglich ist, ein Anerkennen der Tatsache, dass es Schmerz, Unbehagen, Ungerechtigkeit gibt. Ein: Ich glaube dir das!
Und: Es gibt einen wundervollen Teil von mir, den ich als wahres Geschenk empfinde und der mich über weite Strecken trägt: Ich bin Freundin. Und das Wesen meiner Freundinnenschaften ist es, dass es bestimmte Erklärungen nicht braucht, weil wir die Erfahrung teilen, dass Entwicklung und Inspiration entlang unserer Unterscheidungslinien ebenso passiert wie auf unseren Zugehörigkeitsinseln. In diesen Beziehungen zu einigen Frauen meiner Generation fühle ich mich mit meiner Geschichte gesehen, mit meinem Wesen erkannt und geschätzt, mit meinen Zweifeln und Verwirrungen, meinem Suchen und Ringen gehört – also zugehörig im ganz engen Sinn.
An unseren Feuern, Kaffeeschalen, Weingläsern und Suppenschüsseln vermissen wir die Komplizen, die Gefährten (gar nicht zwingend die „Partner“), die Männer in unserem Alter, die uns mit unserem Suchen und Ringen, unserer Verwirrung und unseren Zweifeln hören und sehen und bereit sind, gemeinsam auf die Wunden zu schauen, die das Patriarchat mitsamt Neoliberalismus und Selbstoptimierung uns geschlagen hat.
Ich bin, wir sind bereit, über die Wunden und Narben, die das Patriarchat euch geschlagen hat, zu hören.
Ein Bild wird gerade in mir lebendig: Ein Stuhl, eine Kaffeetasse, ein Weinglas, eine Suppenschüssel mehr will gedeckt werden, um die Einladung ganz deutlich zu machen: Hier ist ein Platz frei.
Martha Kniewasser-Alber lebt und arbeitet in Linz, liebt es zu lesen, zu tanzen, in der Natur zu sein, leibliche und sinnliche Erfahrungen zu sammeln und sich in unterschiedlichen Situationen so einzufinden, dass es gut werden kann. Schreiben hilft ihr dabei. Ebenso helfen Freund*innen, mit denen sich reflektieren, sprechen, tanzen, spazieren gehen und reisen lässt. Tatsächlich hilft es auch, älter zu werden und die Furcht vor dem, was sie sich am meisten wünscht, Schritt für Schritt loszulassen.
Der Klang von „schmelzen“ berührt sie – ebenso die Bedeutung von „Ungezähmtheit“.