von Stefanie Jaksch
Wenn man ein Unternehmen gründet, rechnet man Gott sei Dank mit vielen Sachen, die auf einen einprasseln nicht. Vermutlich würde sich das sonst niemand antun. Als das mit WASSER losgeht, habe ich eines Morgens eine Mail von Katharina Bacher im Postfach. Ich bin irritiert: Warum schreibt mir eine langjährige Freundin so, als ob sie mich nicht kennt? Erst beim zweiten Lesen verstehe ich: Es ist eine Namensgleichheit, diese Katharina Bacher lebt in Salzburg. Sie ist eine der Ersten, die sich meldet auf die Verlagsgründung, und ihre Herzlichkeit und Begeisterung ist entwaffnend.
Strudeln würde sie gerne, schreibt sie mir, und weil ich neugierig bin, sage ich natürlich Ja. Im Call ist Katharina dann genauso quirlig, freundlich und verbindlich wie in den Mails. Sie ist eine der lebendigsten Personen, die mir seit langem begegnet ist, sie ist viel unterwegs, erkundet die Welt recht unerschrocken und ich bewundere sie dafür sehr. Als sie mir "Du Mann, du" schickt, fangen wir schnell an, an dem Text zu arbeiten, er setzt sich von anderen Zuschriften ein wenig ab, weil er auf eine Pointe hinausläuft, die sitzt und mich jetzt noch schmunzeln lässt, auch wenn ich den STRUDEL gut kenne. Wenn er erscheint, ist Katharina wahrscheinlich schon wieder auf einer Abenteuerreise – zumindest stelle ich sie mir so vor.
Illustration S.R. Ayers
An der Haltestelle steigen viele Menschen ein, er ist einer von ihnen. Beim Vorbeigehen streift mich einer seiner Arme, nicht absichtlich, denke ich, eher dem knappen Platz im Bus schuldend. Ich beachte ihn nicht weiter. Der Bus setzt sich in Bewegung und ich sitze still. Bis ich ihn höre. Laut und deutlich. Dann beginnt es, in mir zu arbeiten. Den Beginn des Gesprächs verpasse ich, zu sehr bin ich damit beschäftigt, den Pegel des Gehörten einzuordnen. Zu laut kommt mir die Stimme vor, zu viel Raum einnehmend. Wir sind doch alle gemeinsam in diesem Fahrzeug. In diesem geteilten Raum, in diesem öffentlichen Verkehrsmittel (das sagt doch irgendwie schon der Name?), das uns doch allen gleichermaßen zusteht. Prinzipiell. Da kann doch nicht einer so viel lauter sein als alle anderen. Oder doch?
In so einen Bus passen knapp 60 Menschen, heute ist er ziemlich voll. Also wenn auf diesem engen Raum so viele Menschen aufeinandertreffen und einer sich im ganzen Bus bemerkbar macht, dann ist das beträchtlicher Raum, der da eingenommen – was sag ich: eingefordert – wird. Den nehmen sich nicht alle. Und weil ich begnadete Öffifahrerin bin, merke ich auch, dass es mich dieses Mal mehr bewegt als sonst. Irritiert und naiv denke ich, dass dieser Herr sicherlich telefoniert. Und dass er bestimmt gleich aufhören wird damit.
Es ist Abend, draußen zieht die Stadt mit ihren schwach erleuchteten Häusern vorbei und drinnen, da sitzen wir. Müde von der Arbeit, müde vom Tag, müde von der Welt. So zumindest mein Eindruck. Denn ich bin es.
Die Stimme jedoch wird nicht leiser, auch nicht nach einigen Minuten. Es muss ein bedeutsames Gespräch sein, woher nimmt sich dieser eine Fahrgast sonst sein Anrecht, den gesamten Bus ungefragt zu unterhalten? Diese Gedanken hallen noch in mir nach, als ich endlich darauf achte, was er da eigentlich erzählt: Bildhübsch sei sie gewesen, die Schönste im ganzen Lokal. So unglaublich hübsch, bist du gscheid!, aber auch äußerst rücksichtsvoll und total interessant. Ich staune nicht schlecht. Es scheint ihm ein Anliegen zu sein, sie (Martina, der Name fällt wie zufällig, nicht wichtig, nebenher) nicht nur auf ihr Äußeres zu reduzieren. Nicht nur schön, nein auch mit Köpfchen und Herz! Ein echter Frauenversteher also. Ich glaube, damit hat er mich. Hinter dieser Geschichte steckt mehr, jetzt will ich es wissen. Ich gebe mich voll und ganz dem nicht abwendbaren Schauspiel hin. Obwohl … Hörspiel trifft es wohl eher. Here we are. Du hast deine Bühne bekommen, unterhalte mich! All das sage ich natürlich nicht, sondern sitze still in meinem zu engen Bussitz und möglichst unauffällig tue und aus dem Fenster schaue.
Es sind zwei Herren, die sich ein paar Sitzreihen hinter mir unterhalten. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht die für diese Umstände immer noch komplett unpassende Lautstärke. Ich versuche, einen Blick auf die beiden zu erhaschen, will aber nicht auffallen und drehe mich schnell wieder in meine Position zurück. Dass ich zuhöre, wissen sie nicht. Werden sie auch nicht wissen. Ich sitze stumm da, aber mein Kopfkino läuft auf Hochtouren und ich spitze meine Ohren.
In den 80ern oder 90ern muss es gewesen sein, so genau wisse er das auch nicht mehr. Er war Single damals. Das sagt er lachend, als könnte das ein Scherz sein. Was sein Gesprächspartner ihn fragt, verstehe ich nicht. Um den geht es ja auch nicht. Alter Bekannter, Freund, Fremder? Dass er wirklich Single war, sagt der gute Herr nochmal nachdrücklich. Warum, frage ich mich? Warum sollte er das auch nicht gewesen sein? Gab es andere Zeiten, andere Frauen, andere Situationen, in denen er bei „solchen Geschichten“ nicht Single war? Naja, andere Generation, lange her, Männer eben, oder? Etwas aufgebracht, aber tatsächlich bestens unterhalten lausche ich weiter.
Jedenfalls war sie ihm gleich aufgefallen, diese Martina, allen war sie gleich aufgefallen. Schon beim Betreten des Lokals war sie seiner gesamten Freundesgruppe ins Auge gesprungen. Und ihm in die Arme. Also fast, nicht wortwörtlich. Und auch nicht gleich.
Aber irgendwas musste er in ihr ausgelöst haben, da war einfach eine Verbindung. Irgendwie auch lieb, denk ich mir. Dass er sich so freut, immer noch. Dass diese Erinnerung so lebendig in ihm weiterlebt, nach so langer Zeit. Irgendwann merke ich, dass eine Pizzeria, bei der unser Bus bereits vor einiger Zeit vorbeigefahren ist, der Auslöser dieser Gedankenreise gewesen sein muss.
Dort soll wohl einiges passiert sein, wie mir im Laufe der vorbeiziehenden Bushaltestellen klar werden wird. Zur Überraschung all seiner Kumpels sei sie dann nach dem gemeinsamen Abend in und an der Bar auch mit ihm nach Hause. Im Lokal sei noch nichts passiert. Er war ja ein Gentleman, von der alten Schule. Modern. Aber eben ein Gentleman. Diese alte Schule. An die denke ich noch einen Moment länger. Was wohl an dieser gelehrt wurde? Dass man nur als Single Frauen mit nach Hause nehmen sollte? Dass Frauen nicht nur schön, sondern auch interessant sein können? Naja, jedenfalls war er ja Single und sie interessant und vor allem interessiert. An ihm.
Das erzählt er nicht wirklich überrascht, nur mit Nachdruck. Immerhin sei sie die Schönste im ganzen Lokal, wenn nicht in ganz Salzburg gewesen. Schon im Lokal sagte sie, dass sie nicht mit hinauf in die Wohnung kommen würde. Als Gentleman der alten Schule duldete er das auch. Natürlich, man muss den Frauen ja ihre Freiheiten lassen. Sie verließen die Bar also gemeinsam, spazierten durch das bitterkalte Salzburg, und an der Wohnung angekommen, hatte sie ihre Meinung geändert. Er habe sie überzeugt, selbstverständlich ohne Druck zu machen, schiebt er nach. Die Fotos der Ex wollte sie sich in der Wohnung anschauen.
Interessant, denk ich mir. So war das früher? Kurz packt es mich: Bin ich gerade Ohrenzeugin einer romantischen Liebesgeschichte? Einer, bei der sich das Paar unverhofft kennenlernt und heiratet und später, gar nach Ableben der Partnerin, voller Nostalgie darüber erzählt wird? Einer Liebesgeschichte, die so klassisch angefangen hat, wie sie nur sein kann, aber dann doch eine drastische Wendung genommen hat? Bisher weiß ich das noch nicht. Doch ich merke in seiner Betonung, seiner Lautstärke, seiner Stimme, dass er diese Geschichte unbedingt erzählen will. Dass er sie erzählen muss. Ob er danach gefragt wurde, weiß ich nicht. Sein Gesprächspartner ist die meiste Zeit über still. Die Bühne hat nie ihm gehört. Der laute Mann spricht weiter.
Sie sei zu dieser Zeit eigentlich vergeben gewesen, hatte sich aber unsterblich in ihn verliebt. Er sei zu stolz gewesen, weil er nicht die zweite Wahl sein wollte.
Nach einer kurzen Pause ergänzt er, dass er das immer noch bereue, aber mei, so sei das eben. All das eröffnet er seinem Gegenüber. Jetzt plötzlich höre ich auch den Gesprächspartner. Dieser will wissen, ob er sie denn jemals wieder getroffen habe. „Nein, nie wieder.“ Schade, denk ich mir noch. Kein Happy End.
Dann kommt der Rest der Antwort, die der Gentleman der alten Schule, der grenzenlose Charmeur, der Weiberheld nicht zurückhalten kann: „Ich mein, vielleicht ja schon, aber ohne es zu wissen. Sie hat ja vielleicht ein paar Kilo zugelegt, das ist ja bei Frauen so. Die kennst dann gar nicht mehr, echt a Wahnsinn“, sagt er. Wort.Wört.Lich. Wie ein Blitz durchfährt es mich. Das hat er jetzt nicht gesagt? Meine Augen stehen weit offen, ich schüttle meinen Kopf. Ein bisschen zu stark, aus Protest. Doch dass dieser ihm gebührt, kann der feine Herr ja nicht wissen. Ja, bei Frauen. Echt ein Wahnsinn. „Die Schönste im ganzen Lokal, aber ich zu stolz …“, höre ich ihn nochmals sagen.
Der Bus wird langsamer, ein alter Mann stapft an mir vorbei. Enge Jeans, langsamer, unsicherer Tritt. Weißes, schütteres Haar, bedeckt von einer Kappe, die irgendwann mal modern war. Ja, bei den Frauen ist das echt eine Sache, denk ich mir. Du Hengst, denk ich mir. Du fescher, nicht alternder, fitter Hengst. Du Mann, du.
Latharina Bacher, geboren 1992, schreibt, seit sie Buchstaben kennt. Liebt Wortneuschöpfungen und Wortzerklaubungen. Spricht, denkt und schreibt über alles, was sie bewegt. Lebt in Salzburg, wenn sie nicht gerade reist. Zu ihren veröffentlichten Werken gehören neben einigen Kinderbüchern auch "Vielleicht wird alles viel leichter" (2022) und "Spiel mit allem" (2025). Ihr neuestes Buch "WALD&WORT" erscheint im Mai 2026. Zu finden unter: www.diepampelmuse.com