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July
2026
Strudel

Strudeln mit Anette Land-Coiro

Ein Stückchen Heimat

von Stefanie Jaksch

Es passiert mir nicht oft, dass ich in Wien über Menschen aus meiner Heimat stolpere. Ab und an höre ich das weiche, leicht verschleppte des fränkischen Dialekts in der Straßenbahn oder an typischen Touristen-Orten. Als eine Verlagskollegin mit eine SMS schreibt, in dem sie mir eine Autorin für den STRUDEL empfiehlt, bin ich neugierig, und Anette Land-Coiro - die Empfehlung - sendet mir schon bald ihren Text "Angst und Kaninchen". Schon nach den ersten Sätzen weiß ich, dass ich ihre Gedanken in den STRUDEL mit aufnehmen werde. Anettes Unbehagen an den dräuenden Anzeichen des Klimawandels kriecht mir in die Knochen.

Als wir uns verabreden zu einem Call und sie auf dem Screen erscheint, muss ich schon nach ein paar Sätzen lachen: Ihr Zungenschlag ist eindeutig Fränkisch, es stellt sich heraus, dass wir sogar aus der gleichen Stadt stammen. Schnell werden wir miteinander warm, tauschen Geschichten aus der Heimat aus, ich beobacht an mir, dass sich auch meine Sprache verändert, während ich mit Anette rede. Ihre freundliche, offene Art, aber auch ihre Ernsthaftigkeit nehmen mich sofort für sie ein. Ich lausche ihren Ideen, ihrem Sprachfluss und schon bald sind wir uns einig über die Kaninchen und die Angst. Es ist ein ehrlicher, gefühlvoller und auch überraschender Text, der sich der eigenen Furcht, aber auch der Sicht der anderen behutsam nähert. Aber lest selbst.

Angst und Kaninchen

Die große Weltkarte in der Küche hat sieben Umzüge überlebt, dabei interessiere ich mich gar nicht für Geografie. Wichtig war darauf immer nur ein kleines Pünktchen rechts unten, mitten im Pazifik. Dort liegt der Inselstaat Tuvalu, der sich so sanft über das Wasser erhebt, wie es sein nur hauchbarer Name schon verspricht. Der harmonische Wechsel in den Vokalen lässt unweigerlich an das leise Auf und Ab von Wellen am Sandstrand denken, an das Wippen von Palmwedeln in einer warmen Brise.

Tuvalu war 2014 das erste Land, das offiziell anerkannte Klimaflüchtlinge in die Welt entließ. Die Nachricht lag damals in Form eines Zeitungsausschnitts mehrere Wochen lang auf der Küchenanrichte, herausgerissen aus der New York Times. Mein Mann stellte seine Kaffeetasse darauf ab, das Kind vergaß einen Kirschkern auf dem Papier, der liegen blieb, bis er angetrocknet war, ich wollte es auch nicht mehr anfassen.

Ich war damals im dritten Monat schwanger, schrieb an einem Roman über den Klimawandel, und der Artikel gab mir den Rest. Tuvalu, das war mein Sehnsuchtsort seit frühester Jugend, zufällig entdeckt während einer besonders langatmigen Geographiestunde. Ich liebte es, mir den Namen im Geiste vorzusagen, Wipfel, Wellen – und dann stellte sich heraus, dass fünf Meter über dem Meeresspiegel nicht mehr lange reichen würden.

Wir lebten damals in den USA, im ländlichen Bundesstaat Nebraska. In unserem Garten wohnten wilde Kaninchen, darum herum erstreckten sich die Monokulturen bis zum Horizont. Wollte ich meinem interessierten Umfeld mitteilen, was ich für meinen Roman recherchiert hatte, beinhaltete die Replik oft das Wort anxiety. Es begegnete mir damals zum ersten Mal, ich wusste es gar nicht genau zu übersetzen.

Man musste anxiety, wie ich über die Monate erkannte, mit anderen Bezeichnungen umspannen, es in der Mitte von Besorgtheit, Anspannung, innerer Unruhe einfangen, und im Negativ-Abdruck dieser Ummantelung, da befanden sich jetzt die Wellen und Wipfel von Tuvalu, das sich vom Sehnsuchtsort in einer ironischen Wende der Dinge in einen anxiety-trigger verwandelt hatte.

Es kam der Tag, an dem ich keine Vokale mehr hauchen konnte. Wenn es in der Brust nicht genug Platz gibt zum Einatmen, dann hat man entweder eine perforierte Lunge oder eine Panikattacke. Da stand ich also, im Garten, und bekam keine Luft mehr. Die Kaninchen, aufgeschreckt, machten drei Sprünge und waren durch den Zaun verschwunden, aber für mich war der Augenblick endlos.

Als ich mich schließlich davon überzeugt hatte, dass ich überleben würde, hätte sich vielleicht ein Lachen angeboten, so ein kleines, humorloses, aber es kam nicht. Im Grunde war ich zu gar keiner Reaktion in der Lage, kein Kopfschütteln, keine Mitteilung, keine Medikamente. Nicht einmal mit meinem Mann konnte ich darüber sprechen, denn ich wollte ihn nicht sagen hören, ich solle mir Hilfe suchen.

Das Wording war damals bereits vollzogen, wie ich wiederum aus der NYT erfuhr. Climate anxiety war eine Angstreaktion von Menschen, die sich mit dem Klimawandel beschäftigten, Klimaforschern, Biologen, Journalisten und mir, einer schwangeren Autorin in einem Garten voller Kaninchen, die in ihrer Freizeit vielleicht lieber Zucchini hätte pflanzen sollen. Wir waren ein Heer und völlig nutzlos, denn wir hatten Angst. Alle zusammen waren wir in dieses rabbit hole gefallen, waren den Fakten wie Brotkrumen nachgegangen, und im Inneren der Umspannung, dort wo einmal Wipfel geschwankt und Wellen geschwappt hatten, dort war die Fährte plötzlich zu Ende, zwischen verfehlten Klimazielen, versunkenen Inseln und brennenden Wäldern.

Als Kleinkind hatte mein Sohn keine Zeit damit verloren, die Wunder der Welt zu benennen. Nur teilhaben wollte er daran, mitteilen, dass er sie entdeckt hatte, Da!, rief er und zeigte auf eine Schwalbe im Flug, Da!, rief er und zeigte auf einen gelben Schulbus, Da!, rief er und die Schnecke zog aus Schreck ihre Fühler ein.

Wenn ich versuchte, die Zukunft meines Jungen mit der Zukunft des Planeten zu vereinbaren, dann zischte es in meinem Verstand. Es war nicht in Einklang zu bringen.

Ich hörte auf zu schreiben, legte die IPPC-Berichte weg. So fragil war ich damals, dass ich mich an einem Deal festhielt, den ich eines Abends unilateral mit dem Universum schloss: Lass mein Mädchen gesund sein und ich fasse den Roman nicht mehr an. Ich gebar eine gesunde Tochter und ich löschte die Datei. Vielleicht würde ich mit meiner Arbeit doch nicht die Menschheit wachrütteln. Ich konnte noch nicht einmal meine eigene Schuld abschütteln. Wenn mich meine Kinder einst fragen würden: Und was habt ihr eigentlich damals dagegen getan? Dann würde ich dasselbe antworten müssen wie alle anderen: Ich bin mit den Öffis gefahren, habe fleischlos gegessen, Second Hand gekauft. Mehr lag nicht in meiner Hand.



Aber als wir wieder nach Europa zurückkamen, stellte ich fest, dass interessanterweise von den Jungen gar niemand fragte. Die Jungen, meine Neffen, denen ich noch vor ein paar Jahren Begriffe wie Kapitalismus und Kommunismus erklärt hatte, weil es sonst niemand tat, sie gingen nicht herum und klagten an. Fanden keine Schuld an mir, dachten gar nicht in diesen Kategorien. Versuchte ich zu informieren, begannen sie bald, mit den Füßen zu scharren und ungemütliche Blicke zu tauschen, denn verwüstete Landstriche, Flüchtlingsmassen und Panikattacken im Garten fanden sie einfach so wahnsinnig unattraktiv.

Ich ging also freitags auf die Demos, sie ins Schwimmbad. Die Demos halfen ein bisschen, denn wenigstens entfiel so das ständige Selbst-Monitoring, sogar bei zufälligen Gesprächen. Ein bisschen gepflegte climate anxiety galt als durchaus angebrachte Reaktion auf die Zustände.

Vor den Jungen, der Familie insgesamt ließ ich die Demos größtenteils unerwähnt. In nur ein paar Jahren war ich von der witzigen Halberwachsenen zur Weltuntergangs-Lady avanciert. Ich brauchte nicht noch mehr Raum zwischen uns. Meine Neffen spürten intuitiv, dass es sich verhielt wie bei diesem Spiel, das wir früher immer gespielt hatten: Sobald du die Bombe annimmst, ist es deine Verantwortung, wenn sie in deiner Hand explodiert, egal ob nach fünf Sekunden oder nach fünf Jahrzehnten. Es war meine Generation, die sie weiterreichte.         

                                                                            

Und meine eigenen Kinder, deren Zukunft in Jahren ich sorgsam an den Fingern abgezählt hatte, würden sich verlieben. Ins Kino gehen. Reisen. Nicht die Waffen strecken, sondern die Bombe annehmen, zweimal drüberbürsten und sie in die Tasche stecken. Weitermachen also mit dem, was man vorfand. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich habe von so viel Anmaßung meinerseits gelernt und mich mittlerweile so weit im Griff, dass ich nicht mehr unkontrolliert jedes Zusammenkommen sprenge. Vieles von dem, was ich tagsüber sage, ist belanglos, ist Organisation und Geborgenheit geschuldet. Ich weiß, ich kann nicht herumlaufen und meine Kinder auf den Weltuntergang einstimmen. Ich arbeite an meinen Atemübungen und bin von Mut weit entfernt. Näher steht mir das Konzept der strategischen Zuversicht, wie es vor kurzem jemand in der taz vorschlug. Strategische Zuversicht, weil es keine Alternative zum Weitermachen gibt.

In meiner Küche hängt eine alte Karte, darauf ein kleines Pazifikatoll in der rechten unteren Ecke.                                                                      

Ich werde meine Kinder vorbereiten müssen, aber auf eine Zukunft.

Anette Land-Coiro

Anette Lang, Jahrgang 1978, studierte Medienwissenschaften und Literarische Übersetzung. Ihre journalistischen Arbeiten erschienen in deutschen Tageszeitungen wie der taz, für ihre Kurzgeschichten wurde sie mehrfach ausgezeichnet (u.a. Buchjournal, Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden, on3 Lesereihe des BR). Sie wurden in literarischen Anthologien und Zeitschriften publiziert und dienten als Grundlage für die Hörspiel-Produktion (zuletzt 2014, WDR). 2012 erschien ihr erster Kurzgeschichten-Band „Things that I won't do for love“ im Birnbaum-Verlag, Leipzig. Nach Stationen in Venedig, Madrid, Berlin und dem Amerikanischen Mittleren Westen lebt und arbeitet Anette Lang heute mit ihrer Familie in Wien.

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