21
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August
2026
Strudel

Strudeln mit Sarah Schückel

Alle Uhren waren gelb

von Stefanie Jaksch

Man kann soziale Medien lieben oder hassen. Was ich an ihnen nach wie vor mag, ist die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ich sonst nicht getroffen hätte. Vielen von ihnen folge ich im Stillen oder sie mir, aber man beobachtet sich doch meist mit Freude.

Daher war es ein schöner Moment, als mir ein Text von Sarah Schückel ins Postfach flatterte. Sarah ist eine der Personen, denen ich schon lang folge, die ich auch über eine gemeinsame Bekannte, die wunderbare Maria Christina Piwowarski immer wieder wahrnehme. Und Sarah war unsicher: Etwas veröffentlichen – oder doch nicht? Ein erster Schritt: der Strudel. Und als ich Sarahs Text lese, weiß ich, dass wir ihn natürlich veröffentlichen.

Musikgeschmack ist etwas zutiefst Persönliches, und ich weiß selbst sehr gut, wie es ist, eine Band zu mögen, für die man – zumindest in der Teeniezeit, in der man sowieso schnell verwundbar ist – verlacht wird. Wie schwer es ist, sich immer und immer wieder zur eigenen Freude zu bekennen. Diese Gefühl fängt Sarah ganz wunderbar ein. Und ich wünsche allen, dass sie mit offenen Ohren durch diese Welt gehen können und sich zu ihrem ganz eigenen Soundtrack bekennen und in ihm geborgen fühlen können.

Der Soundtrack meines Lebens

Wenn Dein Leben einen Soundtrack hätte, wie würde er klingen?
 
Als ich letztens — musikhörend — spazieren ging, fragte ich mich das, während ich an anderen Menschen vorbeiging. Manche trugen ebenfalls Kopfhörer und rein theoretisch war es sogar möglich, dass wir in diesem Moment die gleichen Songs hörten.
 
Seitdem denke ich über diese Frage nach. Was sie für mich selbst bedeutet, aber auch für andere. Was lässt sich aus dem Musikgeschmack herauslesen?
Welche Brüche, welche Irrwege, welche Triumphe? Und ähnlich wie bei einer Playlist, die man im Shuffle-Modus abspielt, frage ich mich, was für eine Wendung der nächste Song bereithält.
 
Besonders oft kommen mir diese Fragen in den Sinn, wenn ich sehe, wie meine Nichte mit Musik umgeht. Wie sie Lied für Lied das Mixtape ihres Lebens bespielt und mit wie viel Neugier und Offenheit sie dabei vorgeht. Immer, wenn sie mir den Link zu einem Lied schickt und fragt, ob ich es kenne, erahne ich den Prozess dahinter: Sie entdeckt Musik ganz frei von jedem Dünkel, ohne ein Urteil darüber, ob es ein vermeintlich guter oder schlechter Song ist. Sie lotet nur aus, was ihr selbst gefällt oder eben nicht und am Ende sind es einzelne Lieder, die ihr wichtig genug sind, um mich dann nach meiner Meinung zu fragen.

Und ich? Ich, die ich nie gut im Musikunterricht war, die ich für meinen Musikgeschmack so oft gehänselt wurde, dass ich lange brauchte, um dem Soundtrack meines Lebens bewusst zu lauschen — ich erarbeite mir Stück für Stück Formulierungen, mit denen ich ihr antworten kann.

Die Lieder, die sie mir schickt, machen gute Laune. Sie nutzen mitreißende Rhythmen. Die Musik beschwingt, macht Mut, verbreitet Freude. Ich höre besonders harmonische Melodien und Texte, die im Kopf bleiben. Der Klang vieler Songs, die ich dank meiner Nichte entdecke, lässt graue Tage heller wirken und zaubert fast automatisch ein Lächeln auf mein Gesicht.

Höre ich diese Lieder auch dann, wenn meine Nichte mich nicht direkt darum bittet? Nein. Und ich frage mich, ob ich ihr gegenüber unehrlich bin, wenn ich verschweige, dass mir die Musik oft nicht gefällt. Denn während meine Nichte die Welt der Musik völlig unvoreingenommen mit offenen Ohren erkundet, ist der Soundtrack meines eigenen Lebens durchzogen von Jahren der Stille. Stille, die nicht in der Abwesenheit von Musik begründet ist, sondern in meinem eigenen Schweigen. In einem abwartenden Innehalten, das mehr auf die Reaktion anderer ausgerichtet ist als auf die tatsächlichen Klänge in mir.
 
Ich erinnere mich, wie ich mich schon als Kind in den Klangwelten von Pink Floyd verlieren konnte. Und wie ich dafür in der Schule als die gebrandmarkt wurde, die Alte-Leute-Musik hört. Ich weiß noch gut, wie ich mich mit meiner Andersartigkeit in den Liedern von Rosenstolz wiederfand und angenommen fühlte. Aber auch, wie ich bewusst stillhielt, wenn doch mal einer ihrer Songs im Schulradio gespielt wurde.

Keine Regung durfte verraten, wie viel mir die Texte bedeuteten, lästerten die anderen doch sofort darüber, wie schlecht die Musikauswahl an diesem Tag war.

Und ich bewachte meinen iPod in den Pausen nicht, weil mir jemand dieses teure Gerät hätte stehlen können, sondern weil jeder Song auf meinen Playlists ein neuer Anlass für Mobbing gewesen wäre.
 
Ich sehe die Begeisterung meiner Nichte, wann immer sie mir ein neues Lied zeigt, und beneide ihre Unbefangenheit. Gleichzeitig spüre ich mein eigenes Innehalten erneut, weiß aber, dass es inzwischen andere Gründe hat. Mein Wunsch ist, dass meine Nichte sich nie für ihren Musikgeschmack schämt. Dass ihr das Verhalten anderer nie beibringt, dass sie sich verstellen und verstecken muss, um Abwertung und gehässigem Lachen zu entgehen. Dass sie die Musik in ihrem Leben nie so lange verleugnet, bis auf dem Soundtrack ihres Lebens mehr Stille als Klang zu finden ist.

Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt erkennen konnte, dass in meiner Stille doch Melodien verborgen sind. Bis ich erkannte, welche Band sich — fast unbemerkt — Song für Song in mein Leben geschrieben hat, und wie viele Schlüsselmomente diese Musiker im Soundtrack meines Lebens gestaltet haben. Und noch länger, bis ich mich traute, das offen zuzugeben.
 
Während ich die Unsicherheit nach dem Abi auszuhalten versuchte, tanzte ich zu „Viva la Vida“. Mit „Charlie Brown“ navigierte ich zunehmend sicher durch die Straßen, um den Führerschein zu bekommen. „A Sky full of Stars“ lief, als ich meinen Master-Abschluss bekam. Und „Everyday Life“ tröstete mich während eines gebrochenen Beines. Es gibt noch viele weitere Momente, die für mich untrennbar mit Coldplay verbunden sind, und ich kann nur hoffen, dass der Soundtrack meines Lebens auch in Zukunft von dieser Band geschrieben wird.
 
Besonders passend ist wohl, dass es die Offenheit der Band gegenüber jeglicher Musik ist, die mich immer dann bestärkt, meinen Musikgeschmack nicht länger zu verleugnen, wenn ich in angelernte Muster zu fallen drohe. Die Band lebt vor: Musik kann gefallen oder nicht gefallen und beides ist okay. So einfach ist es und so einfach wünsche ich es mir auch für meine Nichte. Wenn sie mir Lieder vorspielt, die ihr gefallen, halte ich also bewusst inne. Nicht, weil ich sie belügen will oder in alten Gewohnheiten verharre, sondern weil ich weiß, dass nicht alle in ihrem Umfeld diese Einstellung teilen.

Ich weiß, wie viele Menschen es gibt, die dafür sorgen können, dass ihr Soundtrack ähnlich still wird, wie meiner es war.

Wichtig ist deshalb nur, was die Musik meiner Nichte gibt und nicht, wie einzelne Lieder für mich klingen. Damit sie irgendwann dem Soundtrack ihres Lebens lauschen kann, ohne Stille voller Scham und Innehalten zu hören.
 
Ich halte also kurz inne, um meine Sprache von den überhaupt nicht hilfreichen Bewertungen zu befreien, die mich so geprägt haben. Vielleicht kann ich sie nicht davor bewahren, was andere ihr vermitteln. Aber ich kann die Tür zu einem unbefangenen Umgang mit Musik offen halten, die mir so lange versperrt schien.
 
Und wenn Dein Leben einen Soundtrack hätte, wie würde er klingen?

Sarah Schückel

Sarah Schückel ist geboren in München und lebt in Dresden. Sie ist selbständige Kommunikationsmanagerin, Literaturbloggerin und immer auch Schreibende. So ist 2025 ihr Beitrag „Siebeneinhalb Minuten“ im Online-Literaturmagazin „Zarte Horizontale“ erschienen. Worte sind ihre Zuflucht. 

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